Die Berliner Historische Mitte
e.V., Förderverein zur Wiedergewinnung des alten Stadtkerns
wurde 2008 gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt,
durch Führungen, Vorträge und mittelfristig durch
eine Ausstellung, den Berlinern wieder bewusst zu machen, wie die
historische Mitte ihrer Stadt vor dem Krieg einmal aussah. In
einer Vortragsreihe in Zusammenarbeit mit dem Titel „Unter
dem Pflaster liegt die Stadt“ erläuterten
zunächst Historiker, Stadtplaner, Architekten und
Kunsthistoriker in der Marienkirche die Geschichte des Alten
Berlin vom Mittelalter bis in die Gegenwart und
verdeutlichten die Herausforderungen und Probleme einer
künftigen Bebauung. Fragte man sich vorher, ob man den Begriff
„Alt-Berlin“ überhaupt erwähnen
könne, griffen die Medien nach der Veranstaltungsreihe das
Thema, doch vor allem auch den Titel „Unter dem Pflaster
liegt die Stadt“ wiederholt auf; Grund genug, die
Themen der Vortragsreihe hier noch einmal aufzuzählen, denn
sie werden uns in den Diskussionen der kommenden Jahre ausnahmslos
beschäftigen:
- Marc Jordi: Architekt/Stadtplaner: Der Reiz von mittelalterlichen Stadträumen im Gründungskern Berlins - Aktuelle Ideen, Planungen und Realisierungen
- Klaus Hartung: Publizist: Berlin - das verborgene Ganze - Zur Rekonstruktion des historischen Zentrums
- Dr. Hans Stimmann: Senatsbaudirektor a.D: Alle Wege führen durch Berlin... - Die Wiedergewinnung der vergessenen Altstadt
- Dr. Benedikt Goebel: Historiker: Unterwegs in Alt-Berlin - Planungs- und Baugeschichte des Stadtkerns im 19. und 20. Jahrhundert
- Dr. Helmut Maier: Architekt: Das Nikolaiviertel - Vorbild für die historische Mitte ?
- Dr. Dieter Hoffmann-Axthelm: Stadtplaner: Keine Zukunft ohne Wiederaufnahme der Geschichte.... - Rekonstruktion zerstörter Altstädte Berlin und Beirut
- Hans-Jürgen Vahldiek: Archäologe: Rechts und links der Rathausbrücke - Die Gründung von Alt-Berlin und Cölln
- Dipl. Ing Manfred Kühne: Abt.-Leiter Sen.Bau: Alt-Berlin ausgraben und neue Stadtquartiere gestalten. - Aktuelle Projekte in der historischen Mitte
- Prof. Laurenz Demps: Kunsthistoriker: Die Klosterstraße - Das erste Regierungsviertel Brandenburgs ?
- Rolf Ludwig Schön: Publizist, München/Berlin: Kraftfeld Stadtmitte - Wie und wozu Berlin seinen historischen Kern wiederbeleben könnte
- Dr. Hans Stimmann: Senatsbaudirektor a.D.: Woran wir uns erinnern (sollen) - Plätze und Denkmäler in der Altstadt
- Peter R. Fuchs: Landesdenkmalamt: Vom mittelalterlichen Petrikirchplatz zum Hohenzollernschloss - Die Zukunft der Bodendenkmäler in Berlins Mitte
- Dr. Benedikt Goebel: Historiker: Der Neue Markt um die Marienkirche - Wechselvolle Geschichte eines historischen Ortes
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Gab
es in der vorigen Legislaturperiode von Seiten des rot/roten
Senats wenig Unterstützung für die Idee,
die Diskussion über die künftige Wiederbebauung zeitnah
und mit Beteiligung der Bürger zu führen, so ist seit dem
Frühjahr 2012 mit der Bildung der Großen Koalition ein
erfreulicher Meinungswechsel zu konstatieren. Die CDU mit
ihrem städtebaulichen Sprecher Stefan Evers hat in den letzten
Wochen bereits zwei Experten-Podiumsdiskussionen initiiert, in denen
grundsätzliche erste Positionen erkennbar wurden. Ferner wurde in
Zusammenarbeit mit dem Werkbund e.V. ein Gestaltungswettbewerb
„Berliner historische Mitte“ für Berliner und
Potsdamer Studenten ausgelobt, dessen Ergebnisse im März 2013
vorliegen werden.
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Durch
fotografische Darstellungen wollen wir veranschaulichen, dass der heute
weitgehend unbehauste Stadtraum zwischen Marienkirche und Rotem Rathaus
sowie zwischen Spreeinsel und Fernsehturm das historische Zentrum von
Alt-Berlin war, in dem bis zu den Zerstörungen des Zweiten
Weltkrieges reges städtisches Leben pulsierte. Der Verein Berliner
Historische Mitte e. V. wendet sich an alle interessierten Berliner,
die sich für die künftig Reurbanisierung
enagieren möchten. Wenn auch Sie Interesse haben an der
wechselvollen Geschichte des historischen Stadtkerns Berlins und vor
allem auch an der Gestaltung seiner Zukunft, dann werden Sie Mitglied
in unserem Verein. Derzeit sind wir auf der Suche nach Fotos aus dem
Zeitraum 1880 – 1960, die Häuser, Stadträume und
öffentliche Gebäude und auch ganze Straßenzüge aus
dem oben dargestellten Stadtareal zeigen. Mittelfrisitg ist eine
Auusstellung geplant mit dem Arbeitstitel:
Vergangenheit und Zukunft der Berliner Mitte
Ihre Geschichte(n) – die Tragödie(n) – Vision(en)
Wer
sich zunächst einmal unverbindlich für die Geschichte des
Berliner Stadtkerns interessiert, ist eingeladen, sich auf
unserer Homepage umzusehen; vielleicht ein wenig Neues über das
Alte zu erfahren und seine Meinung zu äußern auf unserem
vor Blog. Herzlich willkommen bei der BHM e.V.
„Wo liegt das
historisches Zentrum Berlins?" Wenn heute Berlin-Besucher diese
naheliegende Frage stellen, kommen die Bewohner der Stadt in
Verlegenheit; selbst ältere Berliner müssen
grübeln: Dorthin, wo einst die Wiege Berlins lag, kann man
Touristen doch nicht wirklich führen.
Als ältester nachgewiesener Ort der
Stadt gilt der Mühlendamm an der Spree, an deren Ufern
sich vor über
800 Jahren die beiden Handelsniederlassungen Cölln und Berlin
ansiedelten.
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Heute
durchschneidet hier eine achtspurige Verkehrsschneise, das
historische Stadtareal und verhindert jedweden Ansatz von
Urbanität. |
Vom
Spittelmarkt, dem Petrikirchplatz oder gar dem Fischerkiez, die
jahrhundertelang die städtebaulichen Orientierungsorte
Alt-Cöllns darstellten, sind nur noch einige wenige durch Zufall
intakt gebliebene oder wiederhergestellte Bauten vorhanden.
Auf
der östlichen Spreeseite in Alt-Berlin - dort, wo bis vor dem
zweiten Weltkrieg der Molkenmarkt - der „olde Markt - lag,
flankiert vom Stadthaus, den Großem Jüdenhof und dem
ehemaligen Grauen Kloster, weitet sich die Betonwüste noch weiter
auf zur überdimensionalen Einmündung der Spandauer in
die Grunerstr. Um die durch den 2. Weltkrieg und die sozialiastische
Hauptstadtplanung der DDR geschlagenen Schneisen samt Kahlschlag
wieder etwas zu „heilen“, hat die Senatsbauverwaltung nun
im Bereich des ehemaligen Molkenmarkts
erste Schritte eingeleitet.
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Im
Bereich Klosterviertel, Molkenmarkt und Großer Jüdenhof will
man die Magistrale Grunerstraße verschwenken sowie
zurückbauen und wieder Wohn-und Geschäftsbauten errichten,
die sich an den Straßengrundrissen der Vorkriegszeit
ausrichten. Orientieren will man sich hierbei an den Vorgaben des
sogenannten Planwerk Innenstadt, im Mai 1999 beschlossen vom Berliner
Abgeordnetenhaus. Städtebauliche Leitlinie zur Reurbanisierung des
Klosterviertels ist das mittelalterliche Grundmuster der Stadt. Dadurch
sollen wieder „räumliche Qualitäten und ein lebendiges
zentrales Stadtgebiet entstehen“.
Man hört zwar die
Botschaft, allein es fehlt ein wenig der Glaube, denn der
Molkenmarkt wird leider nur als Kreuzung geplant, ohne jeden
Platzcharakter. Auch die Häuser an den großen Straßen
(Gruner-., Spandauer- und Stralauer Str.) werden nach dem
jüngsten Planungsstand in glatter, moderner Architektursprache
gestaltet.
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Hier
also ist die Senatsbauverwaltung bereits im fortgeschrittenen
Planungsstadium, ohne daß die Berliner Öffentlichkeit herbei
ein Mitspracherecht gehabt hätte.
Äußerst komplex sei das gesamte Bauvorhaben, so konnte
man in der Presse lesen, die Sachzwänge seien enorm; und dies
wirkt sich - wen wollte das in Berlin wundern - auch auf
die Rentabilität und somit auf die Geschosshöhen aus.
Anders – so steht zu hoffen – wird dies nun werden
bei der erforderlichen Reurbanisierung zwischen Marienkirche und
Rathaus sowie zwischen Spree und Stadtbahn.
Hier werden die Bürger von der zuständigen
Senatsbauverwaltung fordern, über künftige
Gestaltungsplänen nicht nur in Kenntnis gesetzt zu werden, sondern
an der öffentlichen Debatte über die künftige Gestaltung
der Altberliner Mitte aktiv mitzuwirken und in den entsprechenden
Entscheidung-Gremien durch fachlich qualifizierte Experten
vertreten zu sein. |
Hierzu
hat sich 2011 das Bürgerforums Historische Mitte
gegründet, unter dessen Dach sich mittlerweile ein Dutzend
Berliner Geschichtsvereine und Institutionen zusammengefunden haben.
Koordiniert von dem Historiker und ausgewiesenen Experten für
Alt-Berlin, Dr. Benedikt Goebel, hat das Bürgerforum
folgende Forderungen formuliert:
Text::
Beate Schubert
Vorsitzende Berliner Historische Mitte e.V.
Bürgerforum Historische Mitte Berlin
Anlaß und Forderungen des Bürgerforums
Das
Bürgerforum Historische Mitte strebt die Wiederbelebung des
Berliner Stadtkerns zwischen Spreekanal und Stadtbahn, des
ältesten Teils Berlins, als Raum städtischen Lebens und
Handelns an. Das Bürgerforum zielt darauf ab, dass auf dem Gebiet
des einstigen Berliner Stadtkerns wieder ein vitales Stadtzentrum
entsteht, das die Geschichte des Ortes erlebbar macht, ohne die moderne
Architektur zu negieren.
Dies ist ein Prozess, der
mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Der gegenwärtige
Berliner Stadtkern ist das Ergebnis einer 800jährigen Geschichte,
die in den letzten 170 Jahren von zahllosen Brüchen,
Zerstörungen und politischen Umgestaltungen gekennzeichnet war.
Für die städtebauliche Weiterentwicklung im Bereich des
Stadtkerns ist ein Umdenken erforderlich, da es sich hier nicht um
einen Raum handelt, der allein nach den zeitgenössischen
Vorstellungen der Politiker und Stadtplaner gestaltet werden kann,
sondern um den Gründungsort der Stadt, an dem historische
Bezüge eine große Rolle spielen.
An vielen
europäischen Metropolen lässt sich ablesen, welch ein
großes urbanes Potential die mittelalterlichen Stadtkerne
darstellten. Auch in Berlin lässt sich die historische Textur und
Tektonik der Kernstadt rekonstruieren. Das Bürgerforum tritt
für eine kleinteilige und
parzellenorientierte Entwicklung des historischen Zentrums ein. Es
geht dabei um ein Stadtgebiet von größter historischer
Bedeutung, das jetzt schon unter Verwertungsdruck von Seiten der
Grundeigentümer (zumeist Stadt und Bund) und in kurzer Frist auch
unter einem hohen Investitionsdruck steht. Wenn die Stadtverwaltung,
die Politik und die Berliner nicht wissen, was sie wollen, dann liefern
sie die stadtgeschichtlich kostbarsten Orte der Zerstörung aus.
Die Tatsache, dass die Parteien das Thema der mittelalterlichen
Kernstadt ignorieren, ist nicht nur ein beklagenswertes Defizit, es ist
unverantwortlich.
Dass die historische
Dimension Berlins für die landespolitischen Strategien keine Rolle
spielt, ist umso unverständlicher, weil sich die Stadtverwaltung
damit bereits beschäftigt: durch die archäologischen
Grabungen, durch die U-Bahn-Planung und B-Pläne im Rahmen
des Planwerks Innenstadt. Damit wächst die Gefahr, dass hinter dem
Rücken der Öffentlichkeit Fakten geschaffen werden, die
geeignet sind, das Stadtbild und das städtische
Selbstverständnis nachhaltig zu beeinträchtigen .
Die Forderungen des Bürgerforums an die Berliner Politik lauten:
1)
Schaffung einer Arbeitsstelle und eines Informationszentrums Berliner
Stadtkern. Die Wiederbelebung des Stadtkerns muss mit der
gründlichen Erforschung aller ober und unterirdischen
Dokumente zur Geschichte des Stadtkerns beginnen. Eine Arbeitsstelle
Berliner Stadtkern sollte umgehend die Erstellung eines historischen
Parzellenplans, eines Häuserbuchs (Feststellung der
früheren Grundstückseigentümer) und die Erfassung und
Digitalisierung aller Spolien sowie aller historischen Ansichten des
Stadtkerns koordinieren. Die Ergebnisse dieser Arbeitsstelle und die
aktuellen Senatsplanungen für den Stadtkern sind in einem Informationszentrum dauerhaft vor Ort zu präsentieren.
2) Planungsmoratorium und Vorrang der Archäologie
Der
Stadtkern ist als Grabungsschutzgebiet auszuweisen. Herausragende
bauliche Relikte unter der Erdoberfläche müssen in situ
erhalten und zugänglich gemacht werden. Das Bürgerforum
fordert, dass der unterirdische Bestand durch eine umfassende
archäologische Grabungskampagne geklärt wird. Dazu ist ein
Moratorium nötig, das einen Vorrang der Erforschung und
archäologischen Grabungen vor den städtebaulichen und
verkehrspolitischen Maßnahmen sichert.
3) Nebeneinander der historischen Schichten
Das
Wiederaufgreifen der historischen Stadtgrundrisse bildet die Grundlage
für die Wiederbelebung des Stadtkerns. Die historischen
Stadtgrundrisse können nicht flächendeckend
wiederaufgegriffen werden; wenn sie aber wieder aufgegriffen werden,
hat dies kenntnisreich,
liebevoll und präzise zu geschehen – nicht wie bislang
gänzlich beliebig und sogar kritisch. Angestrebt wird ein dichtes
Nebeneinander von hochwertigen Wohn-und Geschäftshäusern
heterogener Größe, Gestaltung und Nutzung (staatliche
Förderung ermöglicht
Normalverdienern die Anmietung eines Teils der neuerbauten Wohnungen).
Dabei haben alle historischen Schichten einen Wert; erst ihr
Nebeneinander ermöglicht einen lebendigen Stadtkern. Ziel ist eine
Gleichzeitigkeit aus Grundrissen und Gebäuden verschiedener
Epochen. Einige Bauwerke und Denkmäler der Nachkriegsmoderne
besitzen einen historischen und kunsthistorischen Wert.
4) Reduzierung des Autoverkehrs
Der Verkehr muss dem Stadtkern dienen, nicht umgekehrt. Der Autoverkehr
ist insgesamt zu reduzieren, insbesondere der Durchgangsverkehr.
5) Rekonstruktion von herausragenden Leitbauten
Nicht
nur die gegenwärtigen, auch die zerstörten und die
translozierten Gebäude und Denkmäler, die wesentliche
Träger der Stadtgeschichte sind, sind unverzichtbare Bestandteile
einer modernen und zugleich geschichtsbewußten Neugestaltung. Das
Bürgerforum fordert, dass die Berliner Debatte den
gegenwärtigen Erkenntnisstand zum Thema Altstadtrekonstruktion in
Potsdam, Dresden und Frankfurt aufholt und fortschreibt – d.h.
nicht, dass Berlin die Vorgehensweise in den genannten Städten
kopiert. Schwerpunkte der Entwicklung in Cölln sollten sein:
Wiedererrichtung der Bauakademie und der Schlüterfassaden des
Stadtschloßes, geschichtsbewusste Neugestaltung des
Schloßumfeldes, der Petriplatz mit dem Historischen
Besucherzentrum auf der Alten Lateinschule, das Interreligiöse
Zentrum und das Cöllnischen Rathaus, ferner in der Breiten
Straße das ErmelerHaus. Schwerpunkte
der Entwicklung in Berlin sollten sein: Molkenmarkt, Großer
Jüdenhof, Graues Kloster, Parochialkirche und Rolandufer.
6) Stadtgestaltung als demokratischer Prozess
Der
Weg zur Wiederbelebung des mittelalterlichen Stadtkerns ist langwierig
und anspruchsvoll. Er kann nicht von einem einmaligen stadtplanerischen
Entwurf, nicht von einer bloßen Architektenvision ausgehen. Es
muss vielmehr ein demokratischer Prozess sein, der auf allen Stufen der
Entwicklung von einer ausreichend informierten und engagierten
Bürgerschaft bestimmt wird. Der Senat hätte die Aufgabe zu
sichern, dass die Bürgerschaft das letzte Wort bei der Frage hat,
wie das historische Zentrum der eigenen Stadt in Zukunft aussehen soll.
Ein solcher Prozess würde den Berlinern die Chance geben,
sich auf eine neue Weise mit der Geschichte der eigenen Stadt zu
identifizieren.
Berlin, 30. August 2011
Stellvertretend für das Bürgerforum
B. Goebel / K. Hartung
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