Berliner Historische Mitte
Förderverein zur Wiedergewinnung des alten  Stadtkerns
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Das Marienviertel

Das Marienviertel heute
 Foto: Michael Klemp                                                                                                                        

Das Marienviertel in der Zeit nach 1945 bis heute

Wer heute das Marienviertel von Alt-Berlin sucht, findet zwischen Fernsehturm, Schloßplatz und Rotem Rathaus, eingefasst durch die 300 m weit auseinander stehenden Hochhausscheiben an der Karl-Liebknecht- und an der Rathaus-Straße, lediglich die St. Marienkirche und einen karg möblierten Stadtraum vor, der die Staatsachse der DDR bildete. Diese verlängerte sich durch den Palast der Republik hindurch bis zum DDR-Außenministerium, für welches die Bauakademie und die Kommandantur gegenüber dem Zeughaus abgebrochen wurden.

Vor dem Krieg zählte man hier noch über 140 Grundstücke, auf denen sich Wohn- und Büro-Häuser, Geschäfts- und Warenhäuser, Postämter und Markthallen und vieles andere mehr in traditioneller Mischung befanden: Urbanität voller Leben. Mit der städtebaulichen Großmachtphantasie der DDR und der Enteignung des Privateigentums an Grund und Boden wurden jedoch zahlreiche nur kriegsbeschädigte Gebäude, die bis Ende der 1950er Jahre in Funktion waren, abgerissen und die gewachsene stadt-kulturelle Identität einer vorgeblich untergegangenen Epoche beseitigt.

Mit der Durchlegung von bis zu 10-spurigen Verkehrsschneisen im Zuge der Gruner- und Karl-Liebknecht-Straße wurde aber auch der für alle mittelalterlichen Städte so typische ausgerundete Stadtgrundriss, der sich aus den alten Stadtmauern und der Umwallung ergibt, zerschnitten und aus dem Stadtgedächtnis ausgelöscht (lediglich die Stadtbahn auf dem alten Festungsgraben zwischen den Bahnhöfen Alexanderplatz und Hackescher Markt zeichnetdies bis heute nach).

Es gibt allerdings Bestrebungen, den urbanen Charakter auch dieses Viertels wiederherzustellen. Schon 1999 beschloss der Berliner Senat das "Planwerk Innenstadt" als städtebauliches Leitbild, wobei aber für diesen Bereich damals bis heute kein Konsens für eine Reurbanisierung gefunden werden konnte. Eine langjährige Diskussion entwickelte sich zwischen den Befürwortern und den Gegnern einer wie auch immer gearteten Rekonstruktion. Es entstanden Pläne für einen von Hochhäusern dominierten Alexanderplatz, die auch eine Umbauung der Basis des Fernsehturms in historischer Traufhöhe vorsahen, sowie bauliche Einzelobjekte, die deplaciert zwischen Rotem Rathaus und der St. Marienkirche wirkten.

Mit großer Mehrheit wurde vom Deutschen Bundestag der Beschluss zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum gefasst. Am 28. November 2008 wurde zum Abschluss des dazugehörigen Wettbewerbs dem Entwurf des Italieners Franco Stella aus Vicenza zu Recht und einstimmig der 1. Preis zuerkannt. Dieser gibt Berlins Zentrum den so lange vermissten bau-künstlerischen Höhepunkt und Maßstab des Schlüterschen Barockschlosses zurück. Dies auch vom Förderverein „Berliner Historische Mitte“ erwartete  und sehr begrüßte Ergebnis weckt weitere Impulse, um den Fokus nunmehr auch verstärkt auf Alt-Berlin zu lenken.

Das Marienviertel zwischen dem 12. Jahrhundert bis 1945

Die ersten Ansiedlungen im Bereich des Marienviertels erfolgten  um das Jahr 1200, als aus slawischen Niederlassungen die  Gründerstädte Cöln (1237) und  Berlin (1251) entstanden. Das Errichtungsdatum der Marienkirche liegt vermutlich um  1230. Ihre erste Urkundliche Erwähnung erfolgte 1292 als Kirche am  "Neuen Markt". Im späten Mittelalter bestand Berlin aus den vier Stadtviertel: Marienviertel, Heilige-Geist-Viertel, Nikolaiviertel und Klosterviertel.

Der Neue Markt war einer der beiden Altstadtplätze von Alt-Berlin. Hier befand sich das Hochgericht. 1324 wurde der Bernauer Probst Nikolaus von wütenden Berlinern gelyncht. Sie lehnten sich gegen den Papst um dessen Landesherrschaft auf und wurden dafür mit dem Kirchenbann bestraft. Das weiße Sühnekreuz neben dem Portal von St. Marien zeugt davon.

Nach dem Hostienschändungsprozeß von 1510 wurden auf dem Neuen Markt 41 Juden verurteilt und vor den Toren der Stadt hingerichtet, alle übrigen wurden des Landes verwiesen.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1648), als Berlin Garnisonsstadt wurde begannen die Planungen, die Stadt als Festungsstadt auszubauen.Die Bauarbeiten begannen 1670/71. Bis in das 19. Jahrhundert entwickelte sich die Innenstadt zu einer völlig überfüllten Festungsstadt. 1862 wurde mit dem Hobrecht-Plan beschlossen, die hygienischen- und infrastrukturellen Verhältnisse in der Stadt zu verbessern.

In der Burgstraße 29 wohnte um 1850 Max Liebermann als Kind mit einen Eltern und 1894 zog Christian Morgenstern in die Klosterstraße Nr. 25.

Nach dem Tod des Bildhauers Paul Otto wurde 1893 dem Bildhauer Robert Toberentz (1849-1895) die Vollendung des Lutherdenkmals mit der dreieinhalb Meter hohen Standfigur des Reformators auf dem Neuen Markt übertragen. Die Begleitfiguren am Sockel, Melanchthon, Bugenhagen, Spalatin und Cruziger, Reuchlin und Justus Jonas, Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten, sind nicht mehr vorhanden. Nach dem Einschmelzen sämtlicher Begleitfiguren der Denkmalsanlage und der Zerstörung des Platzes im Zweiten Weltkrieg wurde die Lutherfigur in der Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee aufgestellt. Die Rückführung des Denkmals an die St. Marienkirche in die Nähe seines ursprünglichen Standorts auf dem Neuen Markt im Marienviertel fand im Oktober 1989 kurz vor dem Fall der Berliner Mauer statt.

Die Synagoge in der Heidereuter Gasse wurde in den Jahren 1712-14 errichtet und mehrfach umgestaltet. Der in einem Hinterhof gelegene Barockbau war die erste eigenständige Gemeindesynagoge Berlins und gehörte seinerzeit zu den größten Synagogenbauten in Deutschland. 1938 geschändet und bei einem Bombenangriff beschädigt, wurde sie erst nach Kriegsende abgerissen. Heute erinnern noch eine Gedenktafel und freigelegte Fundamente an die Alte Synagoge in der Heidereuter Gasse, wo einst der Rabbiners Michael Jechiel Sachs (1808-1864) zu den großen Persönlichkeiten des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert gehörte. In der Rosenstraße erinnert ein Denkmal von Ingeborg Hunzinger an die Frauenproteste vom 27. Februar 1943.

Die Bischofstraße an der Marienkirche erhielt ihren Namen gegen Ende des 17. Jahrhunderts von den in der Klosterstraße quer vorliegenden Häusern  Nr. 87-89,  in den sich die Amtswohnungen der Bischöfe von Brandenburg befanden. Zuvor wurde Straßenzug  im Volksmund auch  Priesterstraße beziehungsweise Pfaffenstraße genannt. Der  Straßenzug verlief von der Spanduer Straße  zur Klosterstraße und existierte noch bis 1969.

Durch die Bombenangriffe  im 2. Weltkrieg wurde das Marienviertel fast vollständig zerstört.

Stadtpläne von Berlin
(zum vergrößern anklicken)
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Berlin und Kölln zu Beginn des 13. Jahrhunderts

Rekonstruktionsversuch von  K. F. Klöden. Kölln erscheint nicht mehr als Insel. Der "Zpriawa Fl[uss] ist die Spree. Die beiden Siedlungskerne sind erkennbar. Sie liegen in Berlin um die Nikolaikirche und in Kölln um die Petrikirche. Die beiden Orte sind durch den Mühlendamm verbunden.
Memhardt um 1652, zum vergrößern anklicken  Berlin um 1652,
Stadtplan von Johann Georg Memhardt.

Memhard emigrierte 1622 in die Niederlande, wo er vermutlich eine Ausbildung als Festungsbauer durchlief. Seit 1638 diente er dem Kurfürsten Georg Wilhelm als Festungsingenieur. 1641 wurde er zum kurfürstlichen Ingenieur ernannt. 1650 berief ihn Kurfürst Friedrich Wilhelm nach Berlin.
Zum vergrößern anklicken Berlin um 1723
Stadtplan von  Abraham Guibert Dusableau.

Der im Original gesüdete Plan ist hier eingenordet, um eine bessere Vergleichbarkeit mit den nachfolgenden Plänen zu ergeben.
Zum vergrößern anklicken Berlin um 1850
Stadtplan von Reimer
Der Stadtplan von Berlin von 1960, zum vergrößern anklicken Berlin 1960
Stadtplanusschnitt aus dem Jahr 1960.

Zu diesem Zeitpunkt waren noch alle Straßenzüge  wie im alten Berlin vorhanden.
Zum vergrößern anklicken Berlin 1968  
Stadtplan von SenBauWohn
Die Neugestaltung der Innenstadt nach 1960, zum vergrößern anklicken Stadtplanauszug vom heutigen Zustand
(Stadtplan von 1988)

Hier waren in Alt-Berlin die Stadtviertel: Marienviertel, Klosterviertel, Nikolaiviertel und Heilig-Geist-Viertel

Fotos vom Marienviertel
(zum vergrößern anklicken)
Zum Vergrößern anklicken Der Neue Markt im Marienviertel um 1780
Gemälde von J.F. Fechhelm.
Zum vergrößern anklicken  Der Neue Markt im Marienviertel 1785
Stich von Rosenberg.
Zum Vergrößern anklicken  Der Neue Markt im Marienviertel 1828
Gemälde von J.H. Hintze.
Zum vergrößern anklicken Der Neue Markt im Marienviertel  1860
Stich von J. Richter.
Zum vergrößern anklicken  Der neue Markt um 1880
Im Hintergrund die Marienkirche
Zum vergrößern anklicken Die Marienkirche 1880  vom Neuen Markt aus.
Photographie von  F.A. Schwartz.
Zum vergrößern anklicken  Die Marienkirche um 1900
Foto: Unbekannt

Die Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Karl-Liebknecht-Str.)
Der Neue Markt mit Lutherdenkmal.
Zum vergrößern anklicken  Die Kaiser-Wilhelm- Straße um 1899
(heute Karl-Liebknecht-Str.)

Blick von der Liebknechtbrücke zur Marienkirche
Zum vergrößern anklicken Martin-Luther-Denkmal am Neuen Markt
Foto: Historische Postkarte von 1904
Zum vergrößern anklicken Luftbild um 1925
Luftaufnahme von A. Kulhanek

Vorne Lustgarten mit Stadtschloß,  Dom und Heilig-
Geist-Viertel
Hinten links die Marienkirche mit Marienviertel, Bildmitte das Rote Rathaus.
Zum vergrößern anklicken  Die letzten Reste des Marienviertels um 1960
Aufnahme privat, Sammlung Funke.
Vorne das Denkkmal  zu Ehren der Trümmerfrauen, im Hintergrund die St. Marienkirche mit unzerstörten bzw. nur kriegsbeschädigten Häusern, die bis 1960 noch standen und genutzt wurden, wie z. B. rechts das Probst-Grüber-Haus. Anschließend wurden diese Häuser jedoch alle abgerissen, um die Staatsachse der DDR zwischen Fernsehturm, Palast der Republik und dem DDR-Außenministerium zu schaffen.
Die St. Marienkirche ist eine der ältesten Kirchen Berlins und überstand alle Abrißphantasien.
Zum vergrößern anklicken Das Probst-Grüber-Haus vor 1965.
Aufnahme Privat, Sammlung Funke.

Die Fassade am Marienkirchhof. Deutlich sichtbar der Hausdurchgang zur Bischofstraße 6-8.
Zum vergrößern anklicken Das Probst-Grüber-Haus vor 1965.
Aufnahme Privat, Sammlung Funke.

Die Fassade an der Bischofstraße 6-8
Zum vergrößern anklicken Der Seiteneingang zur St. Marienkirche um 1960
Aufnahme Privat, Sammlung Funke

An dieser Stelle beginnt heute die ca. 1,00 m hohe Aufschüttung der Rampe vor dem Fernsehturm; an der heutigen Karl-Liebknecht-Straße beträgt sie vor dem Hauptportal der St. Marienkirche ca. 1,50 m. Unter dem Pflaster  liegen also in diesem Bereich noch die Keller und die Erdgeschosse (wie die Altstadt in Küstrin) der abgeräumten Häuser.
 Fotos:  © Copyright Archiv Dr. Helmut Maier, Berlin


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