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Das Marienviertel in der Zeit nach 1945
bis heute
Wer
heute das Marienviertel von Alt-Berlin sucht,
findet zwischen Fernsehturm, Schloßplatz und Rotem Rathaus,
eingefasst durch die
300 m weit auseinander stehenden Hochhausscheiben an der
Karl-Liebknecht- und
an der Rathaus-Straße, lediglich die St. Marienkirche und
einen karg möblierten
Stadtraum vor, der die Staatsachse der DDR bildete. Diese
verlängerte sich
durch den Palast der Republik hindurch bis zum
DDR-Außenministerium, für
welches die Bauakademie und die Kommandantur gegenüber dem
Zeughaus
abgebrochen wurden.
Vor
dem
Krieg zählte man hier
noch über 140 Grundstücke, auf denen sich Wohn- und
Büro-Häuser, Geschäfts- und
Warenhäuser, Postämter und Markthallen und vieles
andere mehr in
traditioneller Mischung befanden: Urbanität voller Leben. Mit
der
städtebaulichen Großmachtphantasie der DDR und der
Enteignung des
Privateigentums an Grund und Boden wurden jedoch zahlreiche nur
kriegsbeschädigte Gebäude, die bis Ende der 1950er
Jahre in Funktion waren,
abgerissen und die gewachsene stadt-kulturelle Identität einer
vorgeblich
untergegangenen Epoche beseitigt.
Mit der
Durchlegung
von bis
zu 10-spurigen Verkehrsschneisen im Zuge der Gruner- und
Karl-Liebknecht-Straße
wurde aber auch der für alle mittelalterlichen Städte
so typische
ausgerundete Stadtgrundriss, der sich aus den alten Stadtmauern und der
Umwallung ergibt, zerschnitten und aus dem Stadtgedächtnis
ausgelöscht
(lediglich die Stadtbahn auf dem alten Festungsgraben zwischen den
Bahnhöfen
Alexanderplatz und Hackescher Markt zeichnetdies bis
heute nach).
Es gibt
allerdings Bestrebungen, den urbanen
Charakter auch dieses Viertels wiederherzustellen. Schon 1999 beschloss
der
Berliner Senat das "Planwerk Innenstadt" als städtebauliches
Leitbild, wobei aber
für diesen Bereich damals bis heute kein
Konsens für eine Reurbanisierung gefunden werden konnte. Eine
langjährige Diskussion entwickelte
sich zwischen
den Befürwortern und den Gegnern einer wie
auch immer gearteten Rekonstruktion. Es entstanden Pläne
für
einen von Hochhäusern dominierten Alexanderplatz, die auch
eine Umbauung der Basis des
Fernsehturms in historischer Traufhöhe vorsahen, sowie
bauliche
Einzelobjekte,
die deplaciert zwischen Rotem Rathaus und der
St. Marienkirche wirkten.
Mit
großer Mehrheit wurde vom
Deutschen Bundestag der Beschluss zum Wiederaufbau des Berliner
Schlosses als
Humboldt-Forum gefasst. Am 28. November 2008 wurde zum Abschluss des
dazugehörigen Wettbewerbs dem Entwurf des Italieners Franco
Stella aus Vicenza zu
Recht und einstimmig der 1. Preis
zuerkannt. Dieser gibt
Berlins Zentrum den so lange vermissten bau-künstlerischen
Höhepunkt und Maßstab
des Schlüterschen Barockschlosses zurück. Dies auch
vom Förderverein „Berliner
Historische Mitte“ erwartete und sehr
begrüßte Ergebnis weckt weitere Impulse, um den
Fokus nunmehr auch verstärkt auf Alt-Berlin zu
lenken.
Das Marienviertel
zwischen dem 12. Jahrhundert bis 1945
Die
ersten
Ansiedlungen im Bereich des Marienviertels erfolgten um das
Jahr
1200, als aus slawischen Niederlassungen die
Gründerstädte Cöln (1237) und
Berlin (1251)
entstanden. Das Errichtungsdatum der Marienkirche liegt vermutlich um
1230. Ihre erste Urkundliche
Erwähnung erfolgte 1292 als
Kirche am "Neuen Markt". Im späten Mittelalter
bestand
Berlin aus den vier Stadtviertel: Marienviertel, Heilige-Geist-Viertel,
Nikolaiviertel und Klosterviertel.
Der
Neue Markt
war einer der beiden Altstadtplätze von Alt-Berlin. Hier
befand sich das
Hochgericht. 1324 wurde der Bernauer Probst Nikolaus von
wütenden
Berlinern gelyncht. Sie
lehnten sich gegen den Papst um
dessen Landesherrschaft auf
und wurden dafür mit dem Kirchenbann bestraft. Das
weiße Sühnekreuz neben dem Portal von
St. Marien zeugt davon.
Nach dem
Hostienschändungsprozeß von
1510 wurden auf dem Neuen Markt 41 Juden verurteilt und vor
den Toren der Stadt hingerichtet, alle
übrigen wurden des Landes verwiesen.
Nach
dem Dreißigjährigen Krieg (1648), als Berlin
Garnisonsstadt wurde begannen die Planungen, die Stadt als
Festungsstadt auszubauen.Die Bauarbeiten begannen 1670/71. Bis in das
19.
Jahrhundert entwickelte sich die Innenstadt zu einer
völlig überfüllten
Festungsstadt. 1862 wurde mit dem Hobrecht-Plan beschlossen, die
hygienischen- und
infrastrukturellen Verhältnisse in der Stadt zu
verbessern.
In der
Burgstraße 29 wohnte um 1850 Max Liebermann als Kind
mit einen
Eltern und 1894 zog Christian Morgenstern in die
Klosterstraße
Nr. 25.
Nach dem
Tod des Bildhauers Paul Otto wurde 1893 dem Bildhauer Robert
Toberentz (1849-1895)
die Vollendung des Lutherdenkmals mit der
dreieinhalb Meter hohen Standfigur des
Reformators auf dem Neuen Markt übertragen. Die
Begleitfiguren am Sockel,
Melanchthon, Bugenhagen, Spalatin und Cruziger, Reuchlin und Justus
Jonas, Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten, sind nicht mehr
vorhanden. Nach
dem Einschmelzen sämtlicher Begleitfiguren der Denkmalsanlage
und
der Zerstörung des Platzes im Zweiten Weltkrieg wurde die
Lutherfigur
in der Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee aufgestellt.
Die
Rückführung des Denkmals an die St. Marienkirche in
die
Nähe seines ursprünglichen Standorts auf dem Neuen
Markt im Marienviertel fand
im Oktober 1989 kurz vor dem Fall der Berliner Mauer statt.
Die Synagoge
in der Heidereuter Gasse wurde in den Jahren 1712-14
errichtet und mehrfach umgestaltet. Der in einem Hinterhof gelegene
Barockbau war die erste eigenständige Gemeindesynagoge Berlins
und
gehörte seinerzeit zu den größten
Synagogenbauten in
Deutschland. 1938 geschändet und bei einem Bombenangriff
beschädigt, wurde sie erst nach Kriegsende abgerissen. Heute
erinnern noch eine Gedenktafel und freigelegte Fundamente an die Alte
Synagoge in der Heidereuter Gasse, wo einst der Rabbiners
Michael
Jechiel Sachs (1808-1864) zu den großen
Persönlichkeiten des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert
gehörte. In der Rosenstraße erinnert ein
Denkmal von Ingeborg Hunzinger an die
Frauenproteste vom 27. Februar 1943.
Die
Bischofstraße an der Marienkirche erhielt ihren Namen
gegen Ende des 17. Jahrhunderts von den in der Klosterstraße
quer vorliegenden Häusern Nr. 87-89, in
den sich die Amtswohnungen der Bischöfe von Brandenburg
befanden. Zuvor wurde Straßenzug im Volksmund auch
Priesterstraße beziehungsweise
Pfaffenstraße genannt. Der Straßenzug
verlief von der Spanduer Straße zur
Klosterstraße und existierte noch bis 1969.
Durch
die Bombenangriffe im 2. Weltkrieg wurde das
Marienviertel fast vollständig zerstört.
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Berlin und Kölln zu
Beginn des 13. Jahrhunderts
Rekonstruktionsversuch
von K. F. Klöden.
Kölln erscheint nicht mehr als Insel. Der "Zpriawa Fl[uss] ist
die
Spree. Die beiden Siedlungskerne sind erkennbar. Sie liegen in Berlin
um die Nikolaikirche und in Kölln um die Petrikirche. Die
beiden
Orte sind durch den Mühlendamm verbunden.
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Berlin um 1652,
Stadtplan von Johann Georg Memhardt.
Memhard
emigrierte 1622
in die Niederlande, wo er vermutlich eine Ausbildung als
Festungsbauer durchlief. Seit 1638 diente er dem Kurfürsten
Georg
Wilhelm als Festungsingenieur. 1641 wurde er zum
kurfürstlichen Ingenieur ernannt. 1650 berief ihn
Kurfürst
Friedrich Wilhelm nach Berlin.
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Berlin um 1723
Stadtplan von Abraham Guibert
Dusableau.
Der im
Original gesüdete Plan ist hier eingenordet, um eine
bessere Vergleichbarkeit mit den nachfolgenden Plänen zu
ergeben.
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Berlin um 1850
Stadtplan von Reimer |
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Berlin 1960
Stadtplanusschnitt aus dem Jahr 1960.
Zu
diesem Zeitpunkt waren noch alle Straßenzüge
wie im alten Berlin vorhanden.
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Berlin 1968
Stadtplan von SenBauWohn |
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Stadtplanauszug vom heutigen
Zustand
(Stadtplan von 1988)
Hier
waren in Alt-Berlin die Stadtviertel: Marienviertel, Klosterviertel,
Nikolaiviertel und Heilig-Geist-Viertel
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Fotos
vom Marienviertel
(zum vergrößern
anklicken) |
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Der Neue Markt im Marienviertel
um 1780
Gemälde von J.F. Fechhelm. |
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Der Neue Markt im Marienviertel
1785
Stich von Rosenberg. |
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Der Neue Markt im
Marienviertel 1828
Gemälde von J.H. Hintze. |
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Der Neue Markt im Marienviertel
1860
Stich von J. Richter. |
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Der neue Markt um 1880
Im Hintergrund die Marienkirche |
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Die Marienkirche 1880
vom Neuen Markt aus.
Photographie von F.A. Schwartz. |
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Die Marienkirche um 1900
Foto: Unbekannt
Die Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Karl-Liebknecht-Str.)
Der Neue Markt mit Lutherdenkmal. |
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Die Kaiser-Wilhelm-
Straße um 1899
(heute Karl-Liebknecht-Str.)
Blick von der Liebknechtbrücke zur Marienkirche |
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Martin-Luther-Denkmal am Neuen
Markt
Foto: Historische Postkarte von 1904 |
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Luftbild um 1925
Luftaufnahme von A. Kulhanek
Vorne
Lustgarten mit
Stadtschloß, Dom und Heilig-
Geist-Viertel
Hinten links die Marienkirche mit Marienviertel, Bildmitte das
Rote Rathaus.
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Die letzten Reste des
Marienviertels um 1960
Aufnahme
privat, Sammlung Funke.
Vorne das Denkkmal zu
Ehren der Trümmerfrauen, im
Hintergrund
die St. Marienkirche mit unzerstörten bzw. nur
kriegsbeschädigten Häusern, die
bis 1960 noch standen und genutzt wurden, wie z. B. rechts das
Probst-Grüber-Haus. Anschließend wurden diese
Häuser jedoch alle abgerissen, um
die Staatsachse der DDR zwischen Fernsehturm, Palast der Republik und
dem
DDR-Außenministerium zu schaffen.
Die St. Marienkirche ist eine der ältesten Kirchen Berlins und
überstand alle Abrißphantasien.
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Das Probst-Grüber-Haus
vor 1965.
Aufnahme Privat, Sammlung Funke.
Die
Fassade am Marienkirchhof. Deutlich
sichtbar der Hausdurchgang zur Bischofstraße 6-8. |
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Das Probst-Grüber-Haus
vor 1965.
Aufnahme Privat, Sammlung Funke.
Die Fassade an der Bischofstraße 6-8 |
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Der Seiteneingang zur St.
Marienkirche um 1960
Aufnahme Privat, Sammlung Funke
An
dieser Stelle beginnt heute die ca. 1,00 m hohe
Aufschüttung der Rampe vor dem Fernsehturm; an der heutigen
Karl-Liebknecht-Straße
beträgt sie vor dem Hauptportal der St. Marienkirche ca. 1,50
m. Unter dem
Pflaster liegen
also in diesem Bereich
noch die Keller und die Erdgeschosse (wie die Altstadt in
Küstrin) der
abgeräumten Häuser.
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Fotos: © Copyright Archiv Dr. Helmut
Maier, Berlin
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